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Rundschreiben der Edition Kathmandu · Nr. 4 · Vormonsun 2010 |
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1 Smog über Kathmandu. Links der Narayanhiti-Palast. (coe)
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Schlagzeilen
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Platz 1 für Der Liebesguru
Samrat Upadhyays Roman Der Liebesguru (Edition Kathmandu, 2009) wurde auf der »Weltempfänger«-Bestenliste 6/2010 mit dem ersten Platz ausgezeichnet. »Samrat Upadhyay inszeniert brillant die Dimensionen der [gesellschaftlichen] Veränderungen als Geschichte einer Obsession«, kommentierte Jury-Mitglied Thomas Wörtche.
Die vierteljährlich erscheinende Bestenliste hat zum Ziel, den Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika mehr Aufmerksamkeit in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verschaffen. Der »Weltempfänger« wird getragen vom Literaturförderverein Litprom, in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse und Medien wie arte, Deutschlandradio und Frankfurter Rundschau. Zur Jury gehört unter anderem der Schriftsteller Ilija Trojanow.
(phi)
Die ganze Bestenliste auf den Weltempfänger-Netzseiten »
Lesen Sie das erste Kapitel aus Der Liebesguru im Brief aus Kathmandu Nr. 2 »
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Werkstattnotizen
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Nach dem Akt
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Anfang Januar — Irgendwann nach langem Übersetzen und Redigieren, Entwerfen und Verwerfen, Setzen und Korrigieren, Prüfen und Freigeben kann man nur noch auf die fertigen Bücher warten. Im vorliegenden Fall, da die Bücher sich in Deutschland, man selbst sich jedoch meistens in Nepal befindet, dauert es ein Vierteljahr, nachdem die ersten Exemplare verschickt und verkauft sind, bis man eines in den eigenen Händen hält.
Der erste Moment: eine Mischung aus Euphorie und Angst. Ja, der Schaffensakt hat sich tatsächlich vollzogen! Hier ist unsere Kreation, und sie sieht aus wie ein Buch! Doch die Erfahrung hat gelehrt, daß keine Schöpfung vollkommen sei. Das Buch wird seine Fehler haben; die Frage ist nur, wie dumm sie sind – und inwiefern man hoffen darf, daß sie nicht vielen Lesern auffallen.
Man puhlt die Folie auf: Ja, das Muster auf dem Umschlag ist nicht richtig rausgekommen, aber man hatte ihn trotzdem freigegeben. Das Papier gefällt. Wieso ist in der Titelei der Text auf jeder Seite unterschiedlich weit eingerückt? Jemand hat da offenbar nicht richtig mitgedacht – man selbst –, aber beim nächsten Mal will man es bessermachen. Der geprägte Hardcover-Einband und das bedruckte Vorsatzpapier wirken jedenfalls mächtig edel. Wenigstens auf die Druckerei kann man sich verlassen, Hare Ram.
Der Schriftsatz: gelungen. Aber der Inhalt? Mit den paar Druckfehlern rechnete man schon, und in kurzer Zeit ist das Handexemplar außerdem mit Bleistifteinfällen zur Übersetzung durchwirkt – dann für die zweite Auflage. Bis dahin sind noch ungefähr neunhundertfünfzig Exemplare abzusetzen. Immer wieder einmal simuliert man das stichprobenartige Aufschlagen des Buches durch den potentiellen Käufer, doch der rechte Reiz will sich nicht einstellen. Irgendwie, sagt man bedauernd zu einem Freund, der das Buch seiner Schwester geschenkt hat, packt es mich jetzt auch nicht mehr.
Mitte Januar — Medienecho: bislang gleich null. Auf die Pressemitteilung im Herbst hin wollte nicht mal einer ein Rezensionsexemplar haben. Immerhin haben ein paar Bekannte Komplimente gemacht; aber wohl nur aus Freundlichkeit. Liegt es an der Übersetzung? Man stählt sich innerlich und werkelt weiter am nächsten Buch.
Kurz darauf stößt man auf die erste Rezension, im Nischenmagazin: Klingt doch gut, bringt aber nichts für die Verkäufe. Wenig später Nachricht von einer Kritikerin, der man das Buch ganz zu Anfang geschickt hatte. Sie hat eine Besprechung fürs Radio verfaßt und lobt im Manuskript unter anderem die »vortreffliche« Übersetzung. Ach? Man schlägt das Buch mit neuem Interesse auf, um sich selbst zu überzeugen. Vielleicht sind die Chancen für diese Bestenliste, wo man satte zehn Exemplare hingeschickt hatte, also doch nicht so schlecht.
Mitte Februar — Endlich kommt Nachricht aus der Jury: »Sie werden es nicht glauben: …!« Na wußte man es doch! So eine packende Geschichte, menschlich universal, politisch-historisch konkret, und noch dazu vortrefflich übersetzt. Man grinst tagelang vor sich hin und bereitet sich auf den Ansturm öffentlichen Interesses vor, den diese Auszeichnung auslösen soll.
Anfang März — Fünf Tage nach Veröffentlichung der Bestenliste sind fünf Tage verstrichen, in denen niemand ein einziges Buch bestellt, keine Redaktion bei uns angefragt hat. Ernüchterung stellt sich ein.
Verbunden, wie anders, mit neuer Hoffnung: Die Radiorezension wartet noch auf ihre Ausstrahlung, und weitere zwei Besprechungen seien in Arbeit, weiß man. Wann kommen die endlich raus? Dann kaufen es die Leute bestimmt.
(phi)
Sobald wir erfahren, wann die anstehenden Beiträge im SWR-Radio, auf arte und in der taz erscheinen werden, weisen wir in unserem Facebook-Profil darauf hin.
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Augenblick
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Vorübergehender Wahnsinn
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Der Feigenplatz, wie ich ihn nenne, ist eine hundert Meter breite Lücke in der dichten Bebauung, die sich an Pokharas Touristenmeile, die Lakeside, herandrängt. Gesäumt von gesichtslosen Grundstücksgrenzen und einigen Betonfassaden mit Ladenbuchten im Erdgeschoß, an drei Seiten eingefaßt durch die zerkraterten Überreste einer Asphaltfahrbahn, wird ein Großteil der staubigen Fläche durch die ausladenden Kronen von fünf mächtigen Feigenbäumen überdacht. Ein wenig weht mich hier stets die Vergangenheit an, die diese Bäume noch erlebt haben, und die, nach meiner Erinnerung, hier selbst vor zehn Jahren noch viel näher zu sein schien; eine Zeit, als das Tal von Pokhara, mehr noch als das Tal von Kathmandu, in der Hauptsache eine lose Ansammlung verschlafener grüner Kuhweiler war und ein Grundstück am See als schlechtes Land galt. Von diesen Bäumen aus, so stelle ich mir vor, konnte man damals, mangels Bebauung, und falls nicht andere Bäume die Sicht begrenzten, bis hinaus auf das nahe Wasser schauen, im Schatten des Laubes das Vieh hüten und ohne viel Aufhebens den Tag verstreichen lassen.
Tausende Tonnen Beton, in Fundamente und Pfeiler und Decken und Wände gegossen, haben diesen Zeiten ein Ende gesetzt. Und drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges greift hier, wie in Kathmandu, eine neue Welle der Bauwut um sich. Vom Gemüseladen aus, wo ich meine Möhrentüte in die Hand nehme, kann ich im wolkentrüben Tageslicht die Anfänge eines weiteren jener immer gleichen Klötze sehen, die die Leute im Begehren nach ausländischem Geld auf jeden freien Flecken Erde stellen und die ihre Insassen beim großen Erdbeben, das überfällig ist, unter Bergen billigen Betons begraben werden. Meinen Schirm öffne ich nicht, als ich den Feigenplatz weiter entlanggehe, denn der leichte Regen, den der Wind herangetrieben hatte, hat aufgehört, während ich meine Möhren kaufte, und als ich auf Höhe der Baustelle bin, hellt sich das Tageslicht einen Augenblick lang sonnig auf.
Gleichzeitig höre ich hinter mir ein nahendes Brausen und die ersten Schreie flüchtender Menschen. Als ich mich umdrehe, schießt eine Wand aus Staub über den Platz auf mich zu, und ein Vormonsunsturm schlägt rauschend in die Feigenwipfel. Kinder in wehenden Kleidern springen von den Plattformen am Fuß der Bäume und rennen in die Gebäude. Wieder verfärbt sich das Licht, als das Wetter mich und die Baustelle trifft, und Sand spritzt aus den Haufen, und mit dem Scheppern von Theaterdonner fliegt ein Wellblech vor dem Wind. Dann ist der Sturm überall, und mein Herz lacht schwarz auf: Ja, so mag er einst kommen, der Tag, der das alles hinfortweht!
Auf dem Weg durch die leergefegte Straße hinunter zur Lakeside fällt mir ein Puppentrickfilm ein, den ich vor Jahren gesehen habe: Zwei Steinhaufen am Rande eines grünen Tales beobachten die Entwicklung der Menschheit. Die Zeit läuft für sie anders als für uns; wie im Zeitraffer, gewissermaßen in Minuten, zieht unsere Geschichte an ihnen vorbei. Eben noch überqueren Steinzeitmenschen den Paß zu Fuß, dann erfindet jemand in Sichtweite das Rad, der Karrenweg verwandelt sich in eine surrende Autobahn, und eine Stadt wuchert aus dem Tal auf die Steinhaufen zu. Wie ein Tsunami aus Beton schwillt die Bebauung immer höher, immer näher heran – da erstarrt sie plötzlich. Stille. Die Autobahn ist tot. Eine Werbetafel fällt aus der Halterung. Und dann bröckeln diese Menschheitszeugnisse in sich zusammen, und grünes Gras wächst darüber wie zuvor. Die beiden Steinhaufen atmen auf. Sagt der eine zum anderen: »Das war knapp.«
Auf dem Heimweg an der Lakeside entlang beginnt es stürmisch zu regnen, doch meinen Schirm schließe ich gleich wieder, da ihn der Wind zu zerreißen droht. (phi)
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2 Dorf im Marsyangdi-Tal. (phi)
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