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Rundschreiben der Edition Kathmandu · Nr. 2 · Regenzeit 2009 |
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1 Monsunschauer in Kathmandu. (coe)
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Leseprobe
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Eine Unsinnskindergeschichte
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— Samrat Upadhyay
Dünn wie ein Straßenkind war sie und trug einen ausgeblichenen Kurta-Suruwal. Sie stand in der Tür zu Ramchandras Schlafzimmer, wo er seine Nachhilfeschüler unterrichtete. »Ich bin sehr schlecht in Mathe, Sir«, sagte sie, und er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, daß sie sich neben ihn auf ein Kissen auf dem Boden setzen solle. Als Schutz vor der kühlen Witterung, ungewöhnlich für den späten September, trug sie außerdem den traditionellen Khasto-Schal. Sie hatte lange Wimpern und eine schmale Nase ; feiner Flaum bedeckte ihre Oberlippe. Ihr Haar, das vor Öl glänzte, war streng zurückgebunden. Malati, sagte sie, sei ihr Name, und sie schien ein wenig älter zu sein, schon über zwanzig, als die Schüler, denen er normalerweise Nachhilfe gab. »Ich nehme fünfhundert Rupien im Monat«, sagte er. »Drei Sitzungen die Woche, jeweils eine Stunde.« Ein Schatten zog über ihr Gesicht. »Kannst du dir das nicht leisten?« Ramchandra zog den Elektroheizer nah zu sich heran, obwohl er in eine Decke gewickelt war und die dicken Socken trug, die Goma ihm genäht hatte. Die Wände des Altbaus, zu dem Ramchandras Mietwohnung gehörte, waren dünn, und an einem kühlen Tag wie diesem, Vorbote der Kälte, die die Stadt bald einhüllen würde, konnte man es im ganzen Haus kaum aushalten. Eine der Heizspiralen hatte sich gelöst und ragte nun gefährlich heraus, noch immer rotglühend. Er würde sie bald reparieren müssen, bevor sich die Kinder daran verbrannten, bevor die Wintermonate kamen, wenn »sogar den Fischen kalt ist«, wie Ramchandras Mutter gerne gesagt hatte. »Ich komm aus einer armen Familie«, sagte sie. Ramchandra blickte zu dem kleinen Fenster hinaus. Von seinem Sitzkissen aus konnte er die Strom- und Telephonkabel kreuz und quer an seinem Fenster vorbeilaufen sehen. Ein Steigdrachen schoß im Sturzflug durch das kleine blaue Stückchen Himmel. Das Dashain-Fest stand vor der Tür, und das bedeutete Zusatzausgaben. Seine Nachhilfeschüler hatten schon oft auf ihre Armut verwiesen, selbst die aus wohlhabenden Familien, wenn es um einen Grund ging, ihm sein Honorar schuldig zu bleiben. Tja, er schwamm auch nicht gerade im Geld. Er und Goma und die Kinder wohnten im obersten Stockwerk dieses alten Hauses, mit den brüchigen Treppen und rissigen Decken, den engen, feuchten Zimmern, die nie genug Sonnenlicht bekamen, in diesem Haus unter der Herrschaft eines Vermieters, der an die Tür klopfte, wenn die Miete nicht rechtzeitig bezahlt wurde, wo ohrenbetäubender Verkehrslärm von der Straße durch die dünnen Wände drang, die Zimmer wackeln ließ und vernünftiges Nachdenken unmöglich machte. Seit Jahren hegte er den Traum, ein Grundstück zu kaufen und in der Stadt ein Haus zu bauen, und sei es nur, um seine Schwiegereltern zum Schweigen zu bringen. Seit drei Jahren legten er und Goma jeden Monat fünfhundert Rupien zurück. Oder versuchten es zumindest ; in manchen Monaten, besonders über die Feiertage, konnten sie nicht nur nichts sparen, sondern sie mußten sogar ihre Ersparnisse anknapsen, was Ramchandra ständige Sorgen bereitete. »Auf die Art werden wir nie ein Haus bauen«, hatte er betrübt zu Goma gesagt, nachdem er neulich sein Sparbuch geprüft und festgestellt hatte, daß das Guthaben noch nicht einmal einen Lakh Rupien betrug. Vor ein paar Monaten hatte er sich sogar einige Grundstücke angesehen, aber die meisten hatten völlig überhöhte Preise. Eines der Grundstücke, bei Dillibazar, hatte ihm gefallen – es lag in der Nähe von Gemüsemarkt und Busbahnhof –, aber der Anbieter wollte fünf Lakh Rupien dafür. Ramchandra hatte ihm gesagt, daß niemand, der halbwegs bei Verstand sei, das Grundstück für diesen Preis kaufen würde, aber obwohl er den Mann damit stehen ließ, wußte er, daß das Grundstück innerhalb weniger Monate einen Käufer gefunden haben würde. Derzeit kamen viele Leute in Kathmandu zu Geld. Das Land war arm, aber in der Hauptstadt vermehrte sich der Wohlstand in den Händen derer, die Firmen in neuen Branchen gründeten oder die für die Regierung arbeiteten und vor fetten Schmiergeldern nicht zurückscheuten. Mit ihrer abgetragenen Kleidung wirkte Malati wirklich arm, anders als sein anderer Nachhilfeschüler, Ashok, ein Kaufmannssohn, der jeden Morgen in einem glänzenden schwarzen Auto vorfuhr, aus dessen Lautsprechern laute Musik hämmerte. »Ich hab keinen Vater«, erzählte Malati. »Und meine Mutter züchtet Hühner, um die Familie zu versorgen.« »Dann solltest du vielleicht arbeiten«, sagte Ramchandra. »Deiner Familie helfen.« »Im Augenblick bin ich nicht in der Lage zu arbeiten, Sir«, sagte sie ernsthaft. »Außerdem will ich aufs College gehen.« Und dafür mußte sie die Prüfung zum School Leaving Certificate bestehen. Sie gab zu, daß sie die schuleigenen Vorprüfungen nur knapp bestanden hatte und den eigentlichen Prüfungen mit Sorge entgegensah. »Was nützt es dir, aufs College zu gehen, wenn du jetzt ein Einkommen brauchst?« Sie schürzte die Lippen und blickte zum Fenster hinaus. Sie ist hübsch, dachte er. Aber was ihn anrührte, war ihre Entschlossenheit. Wenn er ihr helfen konnte, dann war es seine Pflicht als Lehrer, sie anzunehmen. Nachmittags unterrichtete er an der heruntergekommenen Kantipur-Schule mit ihren bröckelnden Mauern und dunklen, überfüllten Klassenzimmern. Es war eine staatliche Schule, und das war gleichbedeutend mit einem mageren Budget und schlechtgelaunten Lehrern. Die meisten von ihnen gaben, wie Ramchandra, nebenher Nachhilfeunterricht, um sich etwas dazuzuverdienen. Derzeit war Ashok sein einziger Nachhilfeschüler, und Malati konnte zum Unterricht hinzukommen. »Na gut, wieviel kannst du dir leisten?« »Zweihundert Rupien, Sir.« »Das ist zuwenig«, sagte er, in Gedanken bei seinem Konto. »Dafür kann ich dich nur zwei Sitzungen pro Woche unterrichten.« »Das ist in Ordnung, Sir«, sagte sie. »Den Rest kann ich allein machen.« »Als erstes brauche ich das Geld.« »Ich brings morgen früh mit.« Es entstand ein verlegenes Schweigen. Er erwartete, daß sie gehe, und da sie nicht ging, wollte er gerade sagen : »Also dann.« Doch sie fragte : »Sir, seid Ihr ursprünglich aus Kathmandu?« Er sah sie sich etwas genauer an. Leute aus Kathmandu stellten einander selten diese Frage. Nur Auswärtige sondierten sich gegenseitig, auf der Suche nach etwas, das sie in der Stadt zusammenhielt. »Ursprünglich aus Lamjung«, sagte er. Nach dem Tod seines Vaters hatten er und seine Mutter Grund und Haus verkauft, um die Gläubiger auszubezahlen, und waren nach Kathmandu gekommen, mit dem Schmuck seiner Mutter in einer Plastiktüte und der Adresse eines entfernten Verwandten in der Tasche. Mutter, Gott segne sie. Er hoffte, daß ihre Seele im Himmel Frieden gefunden hatte. »Ich wußte es«, sagte Malati. »Ich wußte, daß Ihr nicht von hier seid. Euer Gesicht verrät es.« »Ist das wirklich so offensichtlich?« »Na, könntet Ihr nicht das Gleiche von mir sagen? Wo glaubt Ihr, daß ich herkomme, Sir?« Er hatte keine Ahnung, aber ihre Aufregung amüsierte ihn. »Jumla?« Daß er auf dieses entlegene, öde Gebiet im Nordwesten des Landes verfiel, brachte sie zum Lachen. »Ihr macht gerne Spaß, oder, Sir? Nein, ich bin aus Dharan.« »Wann bist du hierhergezogen?« »Vor ein paar Jahren. Aber ich vermisse es immer noch. Die Leute hier in dieser Stadt sind so …« – sie schien nach dem passenden Wort zu suchen – »gefühllos.« Ramchandra selbst erinnerte sich noch klar an Lamjung : der Gemischtwarenladen in einem Lehmhaus, das unsicher auf einer Hügelkuppe kauerte ; die beißende Morgenkälte ; der Dunst, der über den Hügeln hing, und die Wolken, die heranrollten und das Haus vor seinen Augen verschwinden ließen ; der Duft von gutem Reis, gekocht im Lehmofen, dessen Rauch seiner Mutter in den Augen brannte und Wasser an ihrer Nase herablaufen ließ. Doch es waren die Erinnerungen an seine ersten Jahre in Kathmandu, die Entbehrungen, die er und seine Mutter erduldet hatten, die sich ihm wie eine religiöse Schrift eingeprägt hatten. Lange Zeit war er wütend auf die Stadt gewesen, weil sie ihnen das Leben so schwer gemacht hatte. Doch inzwischen liebte er sie, und obwohl er verstand, was Malati ihm zu sagen versuchte, wollte er sich ihr Gefühl der Hilflosigkeit nicht zu eigen machen. »Es ist schon so viele Jahre her«, sagte er zu ihr, »daß ich mich in Kathmandu als Einheimischer betrachte.« »Natürlich, Sir. Trotzdem kann es einem diese Stadt sehr schwer machen.« Tränen quollen ihr in die Augen, und merkwürdigerweise rührte ihn das an. Er fragte : »Willst du dich hinsetzen? Tee trinken?« Sie faßte sich wieder. »Nein, Sir, ich muß mich um was kümmern.« Beim Hinausgehen lächelte sie ihn an und entblößte dabei ihre kleinen, weißen Zähne. »Ich hab gehört, daß Ihr sehr gut seid, Sir.« Ramchandra wedelte mit der Hand durch die Luft.
Malati erwies sich als sehr schwach in Mathematik. Sie brütete lange über den Aufgaben und übersah oft die offensichtlichsten Verbindungen. Wenn Ramchandra ihr die Aufgabe erklärte und auf eine mögliche Lösung hindeutete, nickte sie langsam und kaute auf ihrer Unterlippe herum, als ob ihr alles allmählich verständlich werde, aber wenn sie die Aufgabe dann lösen sollte, kratzte sie sich am Kopf und zog die Augenbrauen zusammen, unfähig, über die allergrundlegendsten Schritte hinauszugehen. Im Vergleich zu ihr machte Ashok, dessen mathematische Fähigkeiten Ramchandra bisher für schwach gehalten hatte, einen aufgeweckten Eindruck. »Addition«, sagte Ramchandra dann sanft zu Malati. »Du mußt die Zinsen zum Kapitalbetrag hinzuaddieren, nicht subtrahieren. Siehst du?« Und langsam zeichnete sich Verstehen auf ihrem Gesicht ab, wie um zu sagen : Warum hab ich das nicht gleich gesehen? Dann nickte sie, und ihr Kopf wippte auf und ab. Aber dieses Verstehen erwies sich bald als falsch, und im nächsten Moment runzelte sie wieder die Stirn und kaute auf dem Radiergummiende ihres Bleistifts herum. Eines Morgens, zwei Wochen nachdem sie angefangen hatte, steckte Malati in einer bestimmten Aufgabe fest, die sie schon wiederholt durchgenommen hatten. Ramchandra knallte seinen Bleistift auf ihr Heft mit den säuberlich geschriebenen Zahlen. »Selbst ein Affe vom Pashupatinath-Tempel könnte so eine einfache Aufgabe lösen.« Er stieß mit dem Finger in die Luft vor ihrem Körper. »Du bist doch kein Affe, oder?« Malati schaute auf ihre Zehen, rot im Gesicht. Ashok lächelte ihn ungläubig an, und Ramchandras Frau, Goma, die hereingekommen war, um die leeren Teegläser einzusammeln, warf ihm einen Blick zu. Er wollte gerade etwas Versöhnliches sagen, als Malati, das Gesicht noch immer nach unten gerichtet, mit starker Stimme sagte : »Ich hab Euch gesagt, daß ich schlecht in Mathe bin. Darum bin ich hier. Darum brauch ich Hilfe.« »In Ordnung«, sagte er langsam. »Betrachten wir das einmal aus einem anderen Blickwinkel.« Ashok, der immer noch lächelte, beobachtete Ramchandra genau. »Hilft dir mein Gesicht dabei, das SLC zu schaffen?«, fragte ihn Ramchandra. Den Rest der Unterrichtsstunde über war Malati still. Mechanisch tat sie, was Ramchandra ihr sagte, die Lippen geschürzt, und als die Reihe an sie kam, selbständig eine Zinseszinsrechnung zu lösen, sagte sie : »Ich hab Kopfschmerzen. Ich geh jetzt heim.« »Noch fünfzehn Minuten übrig, Malati.« »Hab ich Euch nicht gerade gesagt, daß ich Kopfschmerzen hab?«, sagte sie, und schnell stand sie auf und ging die Treppe hinunter.
Reue plagte Ramchandra den ganzen Nachmittag lang, während er an der Schule unterrichtete ; den ganzen Abend lang, als er müde nach Hause kam, einem Schüler Nachhilfe gab und später Schlangen und Leitern mit seinem Sohn spielte ; und bis in die Nacht hinein, als er zu schlafen versuchte. Dieses langanhaltende Schuldgefühl überraschte ihn. Ramchandra schalt seine Schüler selten, und er schlug sie nie, anders als viele seiner Kollegen. Aber er wußte auch, daß es nötig war, seine Würde als Lehrer zu schützen, und deshalb disziplinierte er sie manchmal mit Worten, wenn sie sich widerspenstig verhielten, was gerade bei den älteren oft vorkam. Disziplin war bei den Schülern, die er zu Hause unterrichtete, noch nie ein Thema gewesen ; dies war das erste Mal, daß er jemanden gescholten hatte. Doch Malatis Reaktion auf seinen Anwurf ging über die Scham hinaus, die ein Schüler fühlte, wenn er ausgeschimpft wurde. Auf irgendeine Weise hatte er sie tief verletzt. Ramchandra bedauerte es auch, daß er den Rest ihrer Unterrichtsstunde vergeudet hatte, denn sie hätten noch etwas schaffen können. Er war stolz auf die Anzahl seiner Nachhilfeschüler, die schließlich die SLC-Prüfung bestanden. Manchmal brauchte ein Schüler nur Minuten, um von einer Stufe auf die nächste zu gelangen. Aus diesem Grund bestand Ramchandra darauf, gleichgültig wie müde er auch war, daß seine Schüler die gesamte planmäßige Dauer der Unterrichtssitzung bei ihm blieben. Das war besonders bei Ashok wichtig, dem oft alle möglichen Ausreden einfielen, weshalb er früher gehen müsse. Bei Malati war es sogar noch entscheidender, denn sie konnte sich das Honorar nur mit Mühe leisten. In der nächtlichen Dunkelheit zog Ramchandra seine Sirak enger um sich und starrte an die Decke. Er konnte nicht schlafen. In letzter Zeit hatte er wiederholt einen Albtraum gehabt, in dem er vor seinen Schülern stand und eine einfache Algebragleichung nicht lösen konnte. Er führte den Traum auf die schwere Unterrichtslast zurück, die er als Schul- und Nachhilfelehrer zu bewältigen hatte. Ramchandra hatte seine mathematischen Fähigkeiten früh entdeckt. Wenn er mit seiner Mutter in Lamjung den gefährlich gelegenen Gemischtwarenladen besuchte, zog er den Preis eines Kilos Linsen im Handumdrehen von dem Fünf- oder Zehnrupienschein ab, den seine Mutter dem Verkäufer gerade überreicht hatte, und verkündete lautstark : »Zwei Rupien und zwanzig Paisa Rückgeld muß kommen.« Auf der kleinen Schiefertafel, die ihm sein Vater geschenkt hatte, löste er Rechenaufgaben so schnell, daß sein Vater oft sagte : »Warte, warte, bevor du das wegwischst ; laß mich erst sehen, ob du das richtig gemacht hast.« Dann gab Ramchandra ihm die Tafel und schnappte sich einen Bleistift und ein Heft, um etwas anderes zu kritzeln. Später, nachdem er und seine Mutter nach Kathmandu gezogen waren, pflegte er dabeizustehen, wenn ein Krämer in einem Gewürzladen mühselig und ungelenk die Waren und Preise aufschrieb. Doch in Ramchandras Kopf flitzten die Zahlen nur so, und er verkündete mit seiner trotzigen Stimme : »Macht zusammen sieben Rupien und fünfzig Paisa.« Oft zwinkerte ihm ein solcher Krämer dann zu und bot ihm scherzhaft eine Gehilfenstelle an. Er wollte das Angebot annehmen, aber seine Mutter sagte jedesmal, nein, sie würde nicht im Traum daran denken, ihren Sohn arbeiten zu schicken, bevor er mit der Schule fertig sei. »Ich möchte, daß du Ingenieur wirst«, sagte sie. Das Ingenieurswesen schien ihr besonders zuzusagen, entweder weil ihr das ausländisch klingende Wort gefiel, oder weil sie es mit Mathematik in Verbindung brachte. »Ingenieur, ja«, sagte sie gerne. »Du baust mal Sachen.« Als er schließlich zur Schule ging, in einem überfüllten, engen Klassenzimmer in Kathmandu, nicht sehr weit von dort, wo er jetzt unterrichte, schoß seine Hand jedesmal in die Höhe, wenn eine Mathematikaufgabe an die Tafel geschrieben wurde. Der Lehrer fing an, ihn mit Unmut zu beäugen. Seine Freunde gaben ihm den Spitznamen Hisabai-Hanuman, weil er in Mathematik so stark war wie der Affengott Hanuman mit seinen Muskeln, der einen ganzen Berg entwurzelte, ihn auf der linken Handfläche hochhob und davonflog. Wie merkwürdig, dachte Ramchandra, daß er Malati einen Affen genannt hatte, wenn er selbst als Kind so genannt worden war. Wenn Ramchandra auf dem College an die Tafel gerufen worden war, um eine Infinitesimalgleichung zu lösen, die dem Professor Kopfschmerzen bereitete, hatte er gewußt, daß der Lehrerberuf ihm am besten entsprach. Und das stimmte auch, weitestgehend, aber die Nachhilfestunden erschöpften ihn. Inzwischen versuchte er die nächtlichen Albträume fernzuhalten, indem er sich vor dem Einschlafen schöne Landschaften vorstellte, wie einen Spazierweg an einem blauen Weiher, einen üppigen Garten, kühle Bergluft. Doch Malatis Stimme, die »Darum bin ich hier. Darum brauch ich Hilfe.« sagte, hallte ihm immer noch in den Ohren nach. In dieser Nacht wälzte er sich so lange im Bett hin und her, bis Goma aufwachte. »Was ist los?«, fragte sie. Er sagte, vielleicht habe er den Tag über zu viel Tee getrunken. Sie schaltete das Licht ein. »Euch beschäftigt dieses Mädchen. Ihr solltet nachdenken, bevor Ihr redet. Das geschieht Euch recht.« »Ich bin müde«, sagte er. »Es ist schwer genug, Vollzeit dort in diesem Höllenloch zu unterrichten, und dann auch noch Tag und Nacht diese Nachhilfeschüler.« »Trotzdem«, sagte Goma, »sie ist ein junges Mädchen und sehr empfindsam. Geht sanft mit ihr um. Stellt Euch vor, sie wäre Eure eigene Tochter.« »Und wer geht mit mir sanft um?«, fragte er. »Zu wem kann ich gehen, wenn ich Trost brauche?« Er nahm ihre Hand. Sie legte ihre andere Hand auf seine Stirn und sagte : »Warum massiere ich Euch nicht ein bißchen den Kopf? Dann fühlt Ihr Euch besser.« Er legte seinen Kopf in ihren Schoß, und sie massierte ihm das Gesicht. Ihre geschmeidigen Finger glitten über seine Schläfen und lullten ihn in Schläfrigkeit. Durch seine halbgeöffneten Augen betrachtete er ihr Gesicht. Goma war eine kleine, mollige Frau, nur wenige Monate jünger als er, und er ging auf die zweiundvierzig zu. Auf ihrer Stirn war der kleine rote Tika, den sie sich jeden Morgen am Ganeshthan-Tempel in der Nachbarschaft holte. Bevor die Sonnenstrahlen auf die Straßen fielen, ging sie mit einem Teller Reis und mit Blüten, die sie im Garten unten im Hof gepflückt hatte, zum Tempel. Sie kam nach Hause, wenn die Sonnenstrahlen gerade die Fenster des Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Hofs beleuchteten. Unmittelbar unterhalb ihres Nasenrückens hatte sie ein großes Muttermal, ihren »Schönheitsfleck«, wie Ramchandra es nannte. »Ihr braucht nicht unbedingt weiter Nachhilfeunterricht geben, wißt Ihr«, sagte Goma. »Wenn nicht, wie sollen wir dann die Dashain- und Tihar-Ausgaben bezahlen?« Bis Dashain war es nur noch eine Woche, und Tihar folgte ihm auf den Fersen. Das bedeutete, daß Ramchandra an sein Erspartes gehen mußte, um neue Kleider für die Familie zu kaufen, und außerdem ein Huhn, wenn nicht sogar eine Ziege, als Opfer für die Göttin. Allerdings wollte er sich dieses Jahr dagegen aussprechen, eine Ziege zu kaufen, was mehrere hundert Rupien kosten würde. Er wollte Goma und Rakesh und Sanu vorschlagen, daß sie sich mit einem Huhn zufriedengeben sollten, aber das würde sie natürlich alle enttäuschen, und die Nachbarn und Verwandten würden reden, besonders seine Schwiegereltern. Aber was blieb ihm anderes übrig? Im Augenblick mußte er nur Goma überzeugen. Die Kinder spürten und spiegelten in der Regel Gomas Gefühle, und wenn sie glaubte, daß die Familie sich nicht mehr als ein Huhn leisten könne, dann würden sie sich damit abfinden. »Ohne die Nachhilfeschüler, wie sollen wir da aus diesem Höllenloch rauskommen?« fragte Ramchandra. »Wie sollen wir jemals ein eigenes Haus bauen?« Goma legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen. Sanu, dreizehn, und ihr Bruder Rakesh, neun Jahre alt, schliefen im Nachbarzimmer. Aber wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, trötete draußen eine Hupe, Reifen quietschten, dann krachte es, und ein Motor heulte auf. Goma und Ramchandra schlossen beide instinktiv die Augen. »Ihr scheint in letzter Zeit kaum einen Satz sagen zu können, ohne das Wort Höllenloch zu benutzen«, sagte Goma. »Naja, wie würdest du das hier nennen?« Er machte eine Handbewegung. »Ich bin hier nicht unglücklich«, sagte sie. »Deine Eltern sind unglücklich, daß du hier bist.« Mit den Jahren wagte er immer mehr Offenheit, wenn er von ihren Eltern sprach, obwohl er wußte, daß Goma seine Klagen unangenehm waren. Ihre Eltern hatten nie Zuneigung zu Ramchandra gefaßt, obwohl sie ihn sich als Schwiegersohn ausgesucht hatten. Als Ramchandra und Goma heirateten, wohnte er noch bei seiner Mutter, in einer Wohnung in Thamel, die noch kleiner war als diese hier. Zu dem Zeitpunkt studierte er am Tri-Chandra-College und gab nebenbei Nachhilfe, und einer seiner Schüler war Gomas Schwester Nalini. Der Heiratsantrag war überraschend gekommen, ein paar Monate, nachdem Nalini die SLC-Prüfung abgelegt hatte. »Der Antrag ist nicht für Nalini?« fragte er seine Mutter. »Nein, für ihre ältere Schwester.« Er hatte Goma nur ein paar Mal im Haus ihrer Eltern gesehen, wenn sie an dem Zimmer vorbeigekommen war, wo er Nalini unterrichtete, und er konnte sich ihr Gesicht nicht klar ins Gedächtnis rufen. Er erinnerte sich jedoch daran, daß sie hübscher war als Nalini, die traurig und bedrückt wirkte. »Warum sollten sie ihre Tochter jemandem wie mir geben wollen?« fragte er seine Mutter. Normalerweise unterrichtete er die Nachhilfeschüler in seiner kleinen Wohnung, doch die Pandeys hatten ihn gebeten, ins Haus zu kommen, und da sie ihm hundert Rupien mehr geboten hatten, als er normalerweise bekam, hatte er zugesagt. Die Pracht ihres Hauses hatte ihn eingeschüchtert, so wie Herrn Pandeys strenges Gesicht. Aber er brauchte das Geld, und Nalini erwies sich als einfache Schülerin. Seine Mutter äußerte die Vermutung, daß vielleicht seine Reputation als aufgeweckter Student Gomas Eltern veranlaßt habe, ihm ihre Tochter zur Frau zu geben, obwohl er arm war. Vielleicht glaubten sie angesichts seiner Intelligenz, daß er bald eine lukrative Stellung innehaben und ihre Tochter im Luxus leben würde. Vielleicht hatte es sie beeindruckt, wie er sich als Nachhilfelehrer gegenüber ihrer jüngeren Tochter verhalten hatte. »Das ist eine große Ehre für unsere Familie«, hatte seine Mutter gesagt. »Vielleicht sind die harten Zeiten für uns vorbei.« Als er sie geheiratet hatte, war Ramchandra noch nicht einmal bewußt gewesen, daß Goma in seinem Alter war. Als ihm seine Mutter ein Photo von ihr zeigte, konnte er sich klarer an ihr Gesicht erinnern, und das Herz wurde ihm warm, und er sagte ja. Der Altersfaktor hatte ihn nie gestört, und er störte ihn auch jetzt nicht, obwohl es ihn ärgerte, wenn Verwandte darauf anspielten, als ob es grundsätzlich verkehrt sei, wenn die Frau genauso alt war wie der Mann. Ein Verwandter hatte gesagt : »Sieben Jahre Unterschied, das ist am besten. Unsere alten Schriften besagen, daß ein Unterschied von sieben Jahren die Harmonie zwischen Mann und Frau fördert.« Der Mann hatte voller Zuneigung seine eigene Frau angesehen, die genau sieben Jahre jünger war als er und Pan kaute, so daß ihr Mund innen knallrot war. Sie hatte sich als kleinkarierte Klatschtante etabliert und redete schlecht über Leute, die weniger hatten als sie. Ramchandra wußte nicht, auf welche alten Schriften der Verwandte sich bezog, aber in Hindutexte waren oft solche kleinkarierten Ratschläge eingestreut. »Ich glaube nicht an diese Regeln und Legenden«, hatte Ramchandra erwidert, und der Verwandte, der immer noch seine Frau anlächelte, hatte gesagt : »Das ist unsere Kultur.« In ruhigen Augenblicken fragte sich Ramchandra in der Tat, weshalb Goma nicht früher geheiratet hatte, mit Anfang zwanzig, als ihre Eltern leicht eine Ehe mit einem Mann aus guter Familie hätten aushandeln können. Hatte sie als junge Frau etwas Skandalöses getan? fragte er sich. Aber wenn er seine Frau ansah – der fromme Tika auf ihrer Stirn, ihre aufrichtige, herzliche Art mit ihm und den Kindern –, wußte er, daß er sündigte, so etwas auch nur von ihr zu denken.
Ramchandra befand sich in einem Klassenzimmer im Keller eines dunklen Gebäudes. Er trug seine schmutzigen, dunkelblauen kurzen Hosen und das fleckige himmelblaue Hemd. Plötzlich zischte die Peitsche des Lehrers durch die Luft und traf ihn quer übers Gesicht, wo sie zu Zahlen wurde, Rechenaufgaben, die er nicht lösen konnte, so sehr er sich auch anstrengte. Die anderen Schüler in ihren frischgebügelten Uniformen und Krawatten machten sich über ihn lustig, und Ramchandra rief nach seiner Mutter, »Ama, Ama«, und wachte auf, um festzustellen, daß Rakesh im Nachbarzimmer nach seiner Mutter schrie. Goma, die normalerweise beim geringsten Geräusch aufwachte, schlief tief und fest. Ramchandra eilte ins Kinderzimmer, konnte aber das Licht nicht einschalten, wenn er Sanu nicht stören wollte. Doch sie war ohnehin wach und sagte : »Ba, ich glaub, er hatte einen Albtraum.« Ramchandra setzte sich zu Rakesh, der leise wimmerte, und strich ihm über das Haar, um ihn zu beruhigen. Allmählich wurde der Junge still, und dann fragte er : »Ba, was kriege ich zu Dashain?« »Was möchtest du, mein Sohn?« »Ein Fahrrad.« »Fahrrad ist zu teuer. Wie wärs mit einem Spielzeugfahrrad?« Rakesh verzog das Gesicht. »Alle meine Freunde haben ein Fahrrad.« Ramchandra wandte sich an Sanu. »Und was möchtest du?« »Nichts«, sagte sie. Mit jedem Tag schien sich Sanu der finanziellen Beschränkungen der Familie stärker bewußt zu werden. »Und der braucht auch kein Fahrrad.« Rakesh fing an, mit ihr zu streiten, und da er befürchtete, daß sie Goma aufwecken würden, hob Ramchandra die Hand und sagte : »Ich kann dir jetzt sofort eine schöne Geschichte geben. Kostenlos.« »Wenn er ein Fahrrad kriegt, dann will ich auch was Großes«, sagte Sanu. »Darum kümmern wir uns später«, sagte Ramchandra. »Jetzt die Geschichte. In einem fernen Land lebte vor langer Zeit ein armes Mädchen«, begann Ramchandra zu erzählen. Er sprach leise, damit Goma nicht aufwachte. Im Licht der nackten Glühbirne, die im Flur von der Decke hing, zeichneten sich die Umrisse seiner Kinder ab. Dieses Mädchen, fuhr Ramchandra fort, war siebzehn Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter in einer Hütte. Durch das undichte Dach der Hütte tropfte in der Monsunzeit der Regen, und der Lehmboden stand völlig unter Wasser. Sie waren so arm, daß sie nur eine Mahlzeit am Tag aßen, meistens abends am Feuer, und in der Nacht knurrte dem Mädchen der Magen. »Ist das eine traurige Geschichte?« fragte Sanu. »Vielleicht. Hör einfach zu.« »Wie hieß sie denn? Das Mädchen?« Ramchandra war überrumpelt. Dann sagte er : »Malati.« »Aber Malati heißt doch Eure Schülerin«, sagte Rakesh. »Willst du die Geschichte hören oder nicht?« Rakesh sagte nichts mehr, und Ramchandra erzählte weiter. Das Mädchen dachte immer an seinen Vater, der das Dorf vor ein paar Jahren verlassen hatte, um sich in der Stadt eine Arbeitsstelle zu suchen, und nie mehr zurückgekommen war. Wenn sie Gras für die Kuh schneiden ging, deren Milch sie verkauften, um genug Geld zum Leben zu verdienen, schaute sie unentwegt zum Horizont und hoffte, daß ihr Vater zurückkehren würde, die Taschen voller Geld und Schmuck für sie und ihre Mutter. Jede Nacht, wenn sie auf der Matte am Boden lag, auf der sie schliefen, horchte sie nach dem Klopfen an der Tür, das seine Ankunft ankündigen würde. In ihren Träumen sah sie ihn wohlgenährt und reich in der Stadt leben, wo er seine Tochter vermißte. Eines Tages kam der reichste Kaufmann des Dorfes zu ihrer Hütte und hielt bei der Mutter um die Hand des Mädchens an. »Eure Tochter ist sehr schön«, sagte der Kaufmann, der einen langen Schnurrbart hatte, der ihm in dünnen Fäden bis ans Kinn reichte. »Sie arbeitet auch fleißig, und es wird eine gute Hausfrau aus ihr werden.« Die Mutter freute sich sehr. In ihrer Vorstellung sah sie sich schon einen leuchtendfarbigen, goldbesetzten Sari tragen, eine Diamantenkette um den Hals, fünf Diener um sich, die nur auf ihren Befehl warteten. Das Mädchen jedoch war nicht froh. Der Kaufmann war so alt wie ihr Vater, und es gefiel ihr nicht, wie seine Augen blitzten, wenn er sie ansah. Ramchandra wußte nicht weiter und hörte auf zu erzählen, aber die Kinder drängten ihn weiterzumachen. »Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende«, sagte er. »Wer lebte glücklich bis ans Lebensende?« fragte Sanu. »Der Kaufmann und das Mädchen? Aber sie mag ihn doch gar nicht! Das ist doch keine Geschichte.« »Schhh, du weckst noch Mutter auf«, sagte Ramchandra. »Wir machen morgen weiter.« Und all ihren Protesten zum Trotz steckte er sie unter die Decke und ging. Im Nebenzimmer war Goma wach und sah ihn aus schlafverquollenen Augen an. »Ich war so müde, daß ich gar nichts gehört hab. Hat Rakesh schlecht geträumt?« »Ja, und ich hab ihm eine Geschichte erzählt.« »Welche?« »Ich hab mir was ausgedacht.« »Was denn?« »Nichts.« Er kuschelte sich an sie. »Eine Unsinnskindergeschichte.« (Ü: phi)
Diese Leseprobe umfaßt das erste Kapitel des Romans Der Liebesguru von Samrat Upadhyay, der kürzlich in der Edition Kathmandu erschienen ist. Upadhyay wurde durch den Erzählband Arresting God in Kathmandu bekannt. Informieren und bestellen
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2 Titelausschnitt, Der Liebesguru. (Illustration: coe)
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