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Rundschreiben der Edition Kathmandu · Nr. 0 · Winter 2008 |
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1 Leser im Teeladen. Im Hintergrund das Annapurna-Massiv. (coe)
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Liebe Leser: Namaste.
Mit dem Brief aus Kathmandu, dem literarischen Rundschreiben aus Nepal, möchten wir ab sofort vierteljährlich Ihr Netzpostfach erhellen.
Es erwarten Sie Beobachtungen, Essays und Gespräche direkt von hier aus Nepal, Buchauszüge und Werkstattberichte aus unserem Verlag und als Augenweide die eine oder andere besondere Photographie. Wir hoffen, damit eine kleine Publikation zu schaffen, die Nepal von ungewohnten Seiten zeigt, dabei Raum für Muße läßt und Ihnen jedesmal ebenso viel Freude macht wie uns selbst. So halten wir es übrigens auch bei unseren Büchern.
Und an die schönen Bücher der Edition Kathmandu möchten wir Sie auf diese Weise auch immer wieder erinnern. Sie eignen sich, nur so zum Beispiel, ganz hervorragend als Weihnachtsgeschenke.
Ich bin gespannt darauf, wie Ihnen der erste Brief aus Kathmandu gefällt. Bitte sparen Sie nicht mit Kritik und Anregungen!
Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen Ihr

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Yas Pali
Meditation
Wässerung des künftigen Gemüsefeldes
Essay
Nepal, Nepaler, nepalisch
Leseprobe
No Yeti
von Manjushree Thapa
Photographien



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Philipp P. Thapa, Verleger
philipp@edition-kathmandu.de |
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Mehr lesen:
www.edition-kathmandu.de |
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Meditation
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Wässerung des künftigen Gemüsefeldes
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Die Öffnung des Plastikschlauchs zwischen die Finger geklemmt, lasse ich Regen über die Erde ziehen. Bahn um Bahn beschreibt der zerstäubte Wasserstrahl auf der nackten, graubraunen Krume. Wo die Tropfen niedergehen, färbt sie sich dunkel. Der Schlauch reicht nur bis zur halben Länge der Feldterrasse, und so liegt es in meiner Hand, das Wasser durch die rechte Wahl von Öffnungsgröße und Anstellwinkel bis ans äußerste Ende des länglichen, krummen Vierecks zu sprühen. Ich beachte nicht die Kräuter, die an der Böschung der nächsthöheren Terrasse und ringsumher blühen; sehe nicht das sattgrüne Kartoffellaub, das auf der nächsttieferen Terrasse prunkt; und erinnere mich nicht an den Wald, der zwanzig Meter hangaufwärts im Abendlicht dunkelt. Auch an die Häuser und Menschen, ebenso nah, denke ich nicht.
Streifen um Streifen malt mein Regen auf unser künftiges Gemüsefeld. Der erste Schauer soll gut einziehen, bevor ich weitere gewähre, um durch die Kapillaren, die nun geöffnet sind, das Wasser noch tiefer in die Erde zu schicken. Dort unter der Oberfläche liegt der kompostierte Kuhmist, den wir zerbröckelt, verteilt und mit Hand und Hacke eingewirkt haben. Ich stelle mir vor, daß das Wasser den sandigen Lehm allmählich durchtränkt und überall das winzige Leben aufweckt, das Mist und Mulch zersetzen und den Boden garen soll.
Auch an das Gemüse, das hier wachsen wird, denke ich nicht. Bohnen und Erbsen, Möhren und Schwarzwurzeln, Blattsalat und Blumenkohl, sie fallen mir nicht ein. All mein Denken kreist um das dunkle Innere des Bodens, den ich befeuchte, biegt sich mit dem Wasserstrahl, streift mit dessen Ende über das Feld. Mit jeder seiner Berührungen färbe ich die Erde dunkler, mache ich sie satter. Als ich meinen Standpunkt um ein paar Schritte ändere, entdecke ich, daß es noch helle Flecken gibt, kleine, trockengebliebene Areale im vormaligen Regenschatten walnußgroßer Lehmbröckchen.
Was mich schmerzt, ist die Nacktheit dieser Erde. Die belebende Feuchte, die ich ihr gebe, ginge untertags nur allzu leicht verloren. Morgen früh will ich sie mit Laub und Heu bedecken, bevor die Sonne über die Wipfel steigt. (phi)
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Essay
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Nepal, Nepaler, nepalisch
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Das Grundmuster, nachdem wir im Deutschen die Bezeichnung für die Bewohner eines Landes ableiten, ist dieses: Man nehme den Ländernamen, oder eine Art Stammform davon, und hänge »-er« an. Italiener, Japaner, Ghanaer, Schweizer, Bolivier und Simbabwer, Australier, Grönländer und Papua-Neuguineer sind nur einige Beispiele dafür. Das zugehörige Adjektiv entsteht durch Anhängen von »isch« entweder an den Ländernamen (z.B. »japanisch«) oder, seltener, an die Bewohnerbezeichnung (z.B. »schweizerisch«).
Warum ist dann oft von »Nepalesen« statt »Nepalern« die Rede, und von »nepalesisch« statt »nepalisch«? Dieser Umstand ist historisch erklärbar, aber seine Beibehaltung meiner Überzeugung nach nicht zu rechtfertigen. Ich plädiere deshalb dafür, die Bewohner Nepals »Nepaler« zu nennen und ihnen das Adjektiv »nepalisch« zuzuordnen.
Meine Überzeugung speist sich aus zwei Gründen. Der erste Grund ist grammatischer Natur, und ich habe ihn bereits angedeutet. Nur »Nepaler« und »nepalisch« entsprechen dem einschlägigen deutschen Wortbildungsmuster.
Der zweite Grund ist politisch. Die Ausstaffierung mit dem nicht notwendigen Einschub »es« gibt den betreffenden Wortformen einen eurozentrischen, ja kolonial-überheblichen Beiklang. Denn so entsteht eine auffällige Unterscheidung: Einerseits gibt es Länder und Völker, die grammatisch normal (dem Grundmuster entsprechend) behandelt werden (z.B. »Engländer«, »Italiener«) oder einen anderweitigen Eigennamen führen, der so etabliert ist, daß er im Alltagsgebrauch keinerlei Fragen aufwirft (z.B. »Deutsche«, »Franzosen«). Andererseits gibt es – sagt der unschöne Beiklang – Länder und Völker, die so entlegen und seltsam sind, daß deutscher Geist schon an der sprachlichen Verarbeitung ihrer Bezeichnungen scheitern muß, so exotisch, daß jegliche Kunde von dort den Weg über Mittlersprachen nahm, aus denen die deutschen Worte dann wie aus zweiter Hand entlehnt wurden.
Dabei ließen die Übersetzer, scheint es, sicherheitshalber lieber eine Silbe zuviel als zuwenig mitgehen. Denn die historische Erklärung für die Wortformen mit dem Einschub »es« ist ihre Ableitung aus Sprachen wie dem Englischen oder Französischen. »Nepalese« ist nicht zufällig schreibgleich mit der entsprechenden englischen Bezeichnung. Das Englische selbst war übrigens, wie andere europäische Sprachen, seinem normalen Ableitungsmuster treu geblieben und hatte an den Ländernamen »Nepal« schnörkellos eine übliche Endung angefügt (engl. Nepal-ese, frz. népal-ais, ital. nepal-ese).
Ähnlich lautet die Geschichte des Einschubs »an«, wie in »Tibetaner«. Das zuletztgenannte Wort ist allerdings ein schönes und geographisch naheliegendes Beispiel dafür, daß die exotisierenden Formen durch bewußten Sprachgebrauch zurückgedrängt werden können: In den Texten des Internet ist »Tibeter«, also die normale Wortform, heute fast zehnmal häufiger zu finden. Bei den »Chinesen« hingegen hat die »es«-Form jeden Beiklang verloren; dafür ist China heute auch im deutschsprachigen Raum zu bedeutend und gegenwärtig – anders als Nepal.
Nach all dem überrascht es nicht völlig, daß bedeutende nepalbezogene Institutionen im deutschsprachigen Raum die Frage, welche Adjektivform vorzuziehen sei, zum Teil schon vor Jahrzehnten zugunsten der »nepalischen« entschieden haben. Dazu gehören die 1967 gegründete Deutsch-Nepalische Gesellschaft e.V., die Deutsch-Nepalische Industrie- und Handelskammer sowie selbstverständlich die (vormals Königlich-)Nepalische Botschaft in Deutschland und die ihr unterstellten Konsulate auch in Österreich und der Schweiz.
Der »Nepaler« scheint es im Vergleich zu seinem Adjektiv noch schwer zu haben, zumal ihm der »Nepali« Konkurrenz macht. Für letztere Form spricht, daß sie direkt aus dem Nepalischen (aus dem Nepali, aus der nepalischen Sprache) stammt, und als Variante hat sie ihren Nutzen. Aber wie, bitte, lautet die weibliche Form? Ich habe Texte gesehen, in denen ernstlich von »Nepalinnen« die Rede ist. »Nepalin« ist ein veralteter Name von Nepodin, eines Inhaltsstoffes des Krauseampfers, aber keine Art, über eine Dame zu sprechen. »Nepalerin« hingegen klingt schlicht und elegant. Ich ziehe den Hut. (phi)
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2 Hausmädchen aus dem Madhes mit Puppe. (coe)
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Leseprobe
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No Yeti
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— Manjushree Thapa
Hinter der Porträtgalerie besteht die Ausstellung im Nationalen Geschichtsmuseum aus immer ausgefeilteren Waffen, darunter eine Maschinenpistole der Marke Thompson, eine VIP-Pistole, ein Louis-Gewehr, ein leichtes Maschinengewehr und ein Panzerabwehrgeschütz. Wenig wird dazu gesagt, wie sie nach Nepal kamen und wofür man sie einsetzte. Wo hatte die Regierung im achtzehnten Jahrhundert Kettenrüstungen herbekommen? Warum hatte man nicht einfach Musketen aus Britisch-Indien gekauft; warum sollte man stattdessen, wie die nepalische Regierung im neunzehnten Jahrhundert, das Gewehr »Sundari« (»Schön«) und die Kanone »Birgun« (»Tapfer-Geschütz«) bauen? Eine Erklärung war nicht zu finden.
Während ich mich düster fragte, wieviel es wohl kosten könne, die Austellung etwas informativer zu gestalten, stieß ich auf ein elektrisches Geschütz, das mich abrupt innehalten ließ. Es war ein Schrecken aus Blech, eine frankensteinhafte Apparatur mit freiliegenden Drähten, Hebeln, Stangen und Röhren, die in völlig unüberzeugender Weise aus ihr herausragten. Ich starrte das Gebilde benommen an und stellte mir einen trägen Rana vor, der seinen Dienern befiehlt, das Geschütz an die Steckdose anzuschließen, während die Heiden auf die Tore zustürmen …
Im Obergeschoß des Museums befand sich eine Münzsammlung. Während ich sie mir ansah, zog eine Ausstellungswärterin mit einer anderen Wärterin über ihren Ehemann her, der vor kurzem eine jüngere Ehefrau ins Haus gebracht hatte: »Ich muß das Geld im Kissen im Bett von meinem Schwager verstecken.«
»Im Bett von Euerm Schwager?«
»Im Bett von meinem Schwager!«
Die Stimmen der beiden hallten von den Wänden wider.
Von dort aus ging ich weiter zur naturkundlichen Abteilung und sah mir einen Raum voller verstaubter ausgestopfter Vögel und Vierbeiner an. Kurz blieb ich stehen, um eine nepalische Fahne in Augenschein zu nehmen, die in Apollo II zum Mond und wieder zurück geflogen war. An ihr war ein Stück Mondgestein befestigt, das eine Nachricht von Richard Nixon trug: »Dieses Fragment ist Teil eines Gesteinsbrockens aus dem Taurus-Littrow-Tal des Mondes. Es wird überreicht als ein Symbol für die Einheit des menschlichen Strebens und übermittelt die Hoffnung des amerikanischen Volkes auf eine Welt des Friedens.«
Während ich den Gesteinsbrocken betrachtete, kam ein Ausländer herein – ein Deutscher oder Österreicher, dem Akzent nach –, trat unweit von mir an einen Ausstellungwärter heran und bat in gebrochenem Englisch darum, daß man ihm einen Yeti zeige.
Der Wärter verstand ihn nicht.
»Ye-ti, Yet-ii«, sagte der Ausländer.
»Er sucht einen Yeti«, sagte ich dem Wärter auf Nepali.
»No yeti«, antwortete der Wärter überrascht.
Der Mann sagte: »In meinem Reiseführer steht, es gibt ein Yeti-Fell hier im Museum.«
»No yeti«, wiederholte der Wärter.
»In meinem Reiseführer steht, es gibt einen.«
»No yeti.«
Offenbar war es reine Höflichkeit, die den Wärter dann zu dem Vorschlag bewegte: »Naja, fragen wir mal den Kurator«. Damit führte er den Mann nach draußen.
Auch ich verließ das Gebäude. Die Beine taten mir weh. Eine Toilette war nicht in Sicht. Ich machte einen Schnelldurchlauf durch das Gebäude mit der Buddhismus-Ausstellung – lauter Figuren und Mandalas – und betrat die Kunstsammlung.
Hier fiel mir eine riesige Marmorbüste ins Auge, die einen stämmigen, schnurrbärtigen Mann mit der dümmlich wirkenden Rana-Krone auf dem Kopf darstellte. Die Büste war hervorragend gearbeitet. Auf einem Schild am Rücken stand auf Englisch: »Ojaswi Rajanya Prithuladhisa Seine Hoheit Maharaja Joodha Sumsher Jung Bahadur Rana, Premierminister und Oberster Befehlshaber von Nepal – ein Mann von hoher Integrität, gewissenhafter Ehrlichkeit, unbezähmbarer Zivilcourage, ununterdrückbarem nationalistischem Geist; und, last but not least, in jeder Hinsicht ein Reformer, der sich im Laufe seines langen und ereignisreichen Lebens darum bemühte, allem, was mit Nepal und der nepalischen Nation zu tun hat, die richtige Orientierung zu geben; – Diese Kunstgalerie wurde nach ihm als ihrem Gründer benannt und diese Tafel beschriftet, um der von Herzen kommenden Dankbarkeit und tiefen Wertschätzung der Nation Ausdruck zu verleihen.«
Der letzte Teil der Ausstellung war Tempelskulpturen und Treibarbeiten und Metallgußfiguren gewidmet. Mit keinem Wort erwähnte das Museum die politischen Konflikte der 1940er Jahre oder das Experiment mit der Demokratie in den 1950ern. Ebenso fehlte die Volksbewegung, die 1990 die Demokratie in Nepal wiederhergestellt hatte. Die politischen Parteien – der Nepalische Kongreß und die Kommunistische Partei Nepals (Vereinigte Marxisten-Leninisten) –, die im demokratischen Nepal seit 1990 – auf welche Weise auch immer – regiert hatten, kamen überhaupt nicht vor. Es gab keinen Hinweis auf die vielen Führer sozialer Reformen im Land und keine Erwähnung unserer unzähligen Volksaufstände und Revolutionen. Es war, als hätte das nepalische Volk in der Geschichte des eigenen Landes keinen Platz gefunden. (Ü: phi)
Manjushree Thapas Buch Vergeßt Kathmandu. Ein Grabgesang für Nepals Demokratie, dem dieser Auszug entnommen ist, erscheint 2009 in der Edition Kathmandu. Es wurde für den Lettre Ulysses Award (Weltpreis für literarische Reportage) nominiert. Bereits lieferbar ist Thapas Roman Geheime Wahlen.
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